Flüchtlingskinder Diyarbakir


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Besuch 2005

Berichte

Bericht aus Diyarbakir vom 16.-26.03.2005

Soziale Lage der Flüchtlinge
Nach wie vor allüberall größtes Problem: die Arbeitslosigkeit und daraus resultierende wirtschaftliche Not der Familien, da es keinerlei staatliche Unterstützung gibt. Politisch hat sich die Lage weiter entspannt. So konnte das Newrozfest in Diyarbakir erstmals ohne jegliche Polizei- und Militärkontrollen sowie ohne demonstrative Präsenz der Sicherheitskräfte stattfinden. Diese halten sich zurück, umso die Aussage vieler Gesprächspartner- im Rahmen des angestrebten EU-Beitritts der Türkei gegenüber der europäischen Öffentlichkeit ein vorteilhaftes Bild abzugeben. Das sei aber ein rein taktisches Verhalten und basiere auf keiner echten Änderung der Politik in der kurdischen Frage.
Die Flüchtlingsproblematik ist weiterhin ungelöst und es gibt nur geringe Fortschritte, z.B. was die Rückkehrmöglichkeit in die zerstörten Dörfer angeht. Die Flüchtlingsfamilien wissen deshalb oft nicht, welche Perspektiven sie haben, wohin sie gehören. Das Leben als Flüchtlinge in der Stadt nach dem Leben im Dorf käme einem Kulturschock gleich, so der Rektor einer Schule in Diyarbakir. Tiefe Verunsicherung, Identitätskrisen, mangelnde Sicherheit in der Lebensplanung wirken sich negativ auf Lage und Verhalten der Kinder aus.

Situation an den Schulen
Wir haben Besuche an zwei Volksschulen in Diyarbakir machen können, in denen praktisch nur Flüchtlingskinder unterrichtet werden. Wenn das Niveau der türkischen Schulen in diesen Stadtteilen schon relativ niedrig ist, so ist die Situation hier in jeder Hinsicht noch schlimmer. Die Schulen werden nach Aussagen der Rektoren in ihrer Arbeit kaum vom Staat unterstützt. Es gibt nicht genügend Räume, Lehrer und Sachmittel, d.h. keine Schulbibliothek, keine Kopierer etc.
Etwa 20% der Schulpflichtigen (laut Rektoren) gehen überhaupt nicht zur Schule, viele nur sporadisch. Nur ein Drittel der in der ersten Klasse Eingeschulten erreicht den Abschluss der 8. Klasse.
Das Leben der Flüchtlingskinder ist von klein an von Gewalt geprägt. Viele sind durch die staatliche Gewalt (Polizei und Militär) und deren Repression bei Vertreibung und auch im Alltag traumatisiert, was sich durch familiäre Gewalt noch verschärft. Viele arbeitslose und frustrierte Väter schlagen zu Hause ihre Kinder. Die Notwendigkeit des Schulbesuchs wird von vielen Eltern nicht gesehen. Schule erscheint als staatliche Institution des Feindes, der vor allem Unterdrückung und Türkisierung im Sinn hat.
Die Folge: Viele Schüler sind extrem aggressiv, es ist kaum möglich, normalen Unterricht zu machen, zumal die durchschnittliche Klassengröße 40-70 Kinder beträgt. (Lehrermangel u. Schulraummangel). Davon konnten wir uns überzeugen: Während unseres Gesprächs mit einem der Rektoren war der Lärmpegel in der Schule während der Unterrichtszeit so hoch, dass wir uns im Rektorenzimmer trotz geschlossener Tür kaum mit normaler Lautstärke unterhalten konnten. Der Rektor berichtete auch von Vandalismus der Schüler, die kürzlich in seiner Schule Landkarten verbrannt und eine Büste Atatürks zerstört hätten.
Die Ziele der Schulen: Bildung vermitteln, aber konkret, so der Rektor, heißt das in erster Linie, die Kinder von einer kriminellen Karriere abzuhalten. (Überall in Diyarbakir wurden wir auf die stark gestiegene Kriminalität hingewiesen.)

Die Situation des Projekts Schülerpatenschaften
Seit September 2004 werden 30 Kinder von unserem Projekt mit Sachmitteln (Schulsachen, Kleidung) bzw. Geld im Wert von ca. 20 EUR pro Kind und Monat unterstützt. Nach übereinstimmender Aussage von Göc-Der und Egitim-Sen hat das Projekt seine Ziele weitestgehend erreicht: 29 Kinder (v.a. Erstklässler) gingen regelmäßig zur Schule (13 in der einen Grundschule in A., 14 in der zweiten Grundschule in B., 3 auf weiterführende Schulen), ein Junge verschwand ohne Abmeldung.
Laut unseren Projektpartnern traten jedoch Anfangsschwierigkeiten bzw. Fehlentwicklungen auf, die wir durch eine Modifizierung der Aufnahmekriterien für die Förderung ausbügeln wollen. Zu den Anfangsschwierigkeiten gehörte vor allem, dass die Lehrer der Patenkinder vorab nicht informiert waren und z.T. Kritik an der Auswahl der Kinder übten bzw. es gerne gesehen hätten, wenn man sie früher einbezogen hätte. Mittlerweile ist dieses Problem vom Tisch, da unsere Partner sehr eng mit den betroffenen Lehrern kooperieren. Mit den Rektoren der beiden Schulen habe es von Anfang an keinerlei Probleme gegeben, sie unterstützen das Projekt.
Fehlentwicklungen heißt, dass in manchen Familien die Kinder lediglich eingeschult wurden, um in den Genuss der finanziellen Förderung zu bekommen. Unsere Projektpartner beklagen eine gewisse Anspruchs- bzw. Konsumhaltung bei manchen Familien. Die Bildung der Kinder war und ist hier zweitrangig. Hinzu kommt, dass die Eigenmotivation der Kinder aus solchen Familien gering ist und auf längere Sicht ein Schulerfolg äußerst unwahrscheinlich ist. Wir haben deshalb im Einvernehmen mit Göc-Der und Egitim-Sen eine Änderung der Aufnahme- und Förderkriterien vereinbart. Stand bisher die soziale Bedürftigkeit und Armut der Familien /Kinder im Vordergrund, so soll in Zukunft vor allem auch die Eigenmotivation der Familien/Kinder bzw. das Zukunftspotential der Kinder eine Rolle spielen. Das bedeutet, dass ca. sechs Kinder nicht weiter gefördert werden und stattdessen sechs andere Kinder ausgewählt werden, bei denen aus den genannten Gründen eine längerfristige Förderung erfolgversprechend ist. Es geht auch darum, unsere wenigen Mittel zielgerichteter einzusetzen.
Von einer Lehrerin der Grundschule B. wurde - wie von vielen Interessenten hier - vorgeschlagen, direkte und individuelle Patenschaften zu ermöglichen, das heißt, Unterstützer/Förderer können ein bestimmtes Kind (Name, Foto, Adresse ) direkt unterstützen. Egitim-Sen hat zugesagt, fürs erste 3-4 Kinder auszuwählen, die für eine solche direkte Patenschaft besonders geeignet sind, und uns die Daten zukommen zu lassen, damit wir Paten suchen können.
Von Göc-Der und Egitim-Sen wurde auch die Notwendigkeit von Nachhilfeunterricht - bzw. -schulen betont, um die Bildungsdefizite von Flüchtlingskindern zu lindern. Ein großes Problem ist vor allem in den ersten Klassen, dass viele Kinder nur Kurdisch und nicht Türkisch sprechen, und somit in der Schule von Anfang an auch aus diesem Grunde stark benachteiligt sind, Schulangst entwickeln und vorrangig negative Erfahrungen machen, die ihre Lust an Bildung nicht unbedingt fördern. Es gibt allerdings an beiden Schulen einen Großteil kurdischer Lehrer, die nach Aussage der Rektoren und Lehrer mit diesen Kindern verständnisvoll umgehen. Besondere Fördermaßnahmen (Förderklassen oder Ähnliches) gibt es nicht.
Allerdings hat der türkische Staat Anfang des Jahres ein Schul-Förderprogramm für mittellose Familien gestartet, nach dem Jungen nach einem erfolgreichen Aufnahmetest 15 YTL (ca. 9 EURO) und Mädchen 20 YTL (ca.12 EURO) finanzielle Förderung pro Monat bekommen. Wir haben vereinbart, dass dies angesichts des geringen Betrages kein Ausschluss-Kriterium für unsere Förderung (34 YTL) sein soll, also Doppelförderung möglich ist.

Fazit
Nach Einschätzung unserer Projektpartner hat sich das Projekt als sinnvoll und notwendig erwiesen und sollte auf jeden Fall fortgeführt werden, auch wenn es im Einzelnen mit viel Arbeit und manchmal auch Frust verbunden ist.
Wir konnten uns von der guten Arbeit unserer Partner und Partnerinnen überzeugen und sind vor allem ihnen zu großem Dank verpflichtet.

Dieter Balle


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