Flüchtlingskinder Diyarbakir


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Besuch 2007

Berichte

Besuch in Diyarbakir vom 20.-25.03.2007

Unsere dreiköpfige Gruppe war v.a. aus zwei Gründen in Diyarbakir:Austausch mit den Projektpartnern, Kindern und Eltern unseres Projektes "Schulpatenschaften für Flüchtlingskinder" in Diyarbakir und die Teilnahme am Newroz-Fest.

Projekt Schulpatenschaften für Flüchtlingskinder
Unser Kleinprojekt basiert auf der Realität, dass ein Großteil der in Diyarbakir (DY) lebenden Binnenflüchtlinge meist einem Teil ihrer Kinder keinen (Grund)Schulbesuch ermöglichen können, da die materielle Notlage es nicht erlaubt, Schulmaterial oder etwa eine Schulunifform zu kaufen. In Zusammenarbeit mit der Bildungsgewerkschaft Egizim-Sen und der Flüchtlingsselbsthilfeverein Göc-Der fördern wir seit August 2004 den Schulbesuch von rund 30 Flüchtlingskindern durcjh materielle Hilfen (Schulmaterial, Kleidung, Schuhe) und (anfangs) durch eine geringe finanzielle Unterstützung. Pro Kind werden von uns rund 20 Euro /Monat überwiesen.
Die Projektpartner (PP) haben in den letzten Wochen mit allen Lehrern, in deren Klassen Patenkinder sind, gesprochen: Die Lehrer zeigten sich laut PP mit den Leistungen zufrieden. Die Anzahl der Projektkinder wurde zwischenzeitlich auf 34 erhöht, davon musste ein Kind wieder aus der Förderung genommen werden, da der Schulbesuch zu wünschen übrig ließ (laut PP familiäre Probleme). Momentan sind 25 Mädchen und 8 Jungen im Projekt, also insgesamt 33. 23 davon besuchen die zwei Grundschulen in den DY-Stadtteilen Seyrantepe und Aziziye, die Schulen der restlichen sind in anderen Stadtteilen. Laut PP ist es deshalb schwierig, den Werdegang aller Patenkinder kontinuierlich zu verfolgen bzw. sie dementsprechend zu betreuen. Trotzdem zeigten sich Die PP zeigten sich offen für eine Ausweitung des Projekts auf mehr Kinder. Nichtsdestotrotz dürfte U.E. bei der gegenwärtigen Personalsituation (3 ProjektmitarbeiterInnen) das Limit mit 33 Kindern erreicht sein. Eine aktuelle Mappe mit den Dossiers aller Patenkinder wurde vorgelegt.

Außerschulische Aktivitäten
Der Besuch eines Kinofilms (türk. Komödie) hat bei den Kindern und den sie begleitenden Müttern großen Anklang gefunden. Außer zwei Kindern hatten alle vorher noch kein Kino von innen gesehen. Solche außerschulischen kulturellen Aktivitäten sollen ausgeweitet werden, z.B. auf Theaterbesuche. Im Sommer ist ein Ausflug nach Hasankeyf geplant. Auch das wäre für die Kinder eine völlig neue Erfahrung, da Exkursionen und Ausflüge, aber auch einfache Kino- oder Theaterbesuche kulturelle Aktivitäten sind, die mangels Geld oder Angeboten weit außerhalb ihres Horizontes liegen.
Beim gemeinsamen Treffen mit den Eltern und Kindern kritisierte ein Vater den Kinobesuch. Stattdessen hätte man angesichts der materiellen Not lieber Lebensmittel kaufen sollen. Die tatsächlich sehr prekäre materielle Lage der Familien nahmen wir zum Anlass zwei Mal pro Jahr eine Lebensmittelaktion für die Familien durchzuführen (s.u.).

Nur noch materielle Förderung
Die Ausgabe von Geld an die Familien wurde ganz eingestellt, u.a. da eine Ausgabenkontrolle unmöglich ist und die Ausgabe mit allerlei Unannehmlichkeiten für die PP verbunden war.
Bei Einkleidungsaktionen z.B. nehmen die PP die Kinder mit in die Geschäfte und die Kinder können dann passende Kleidungsstücke oder Schuhe selbst wählen. Schulsachen werden im Großhandel eingekauft.
Aufgrund der angespannten Versorgungslage bei vielen Flüchtlingsfamilien sollen in Zukunft zwei Mal pro Jahr Lebensmittelpakete verteilt werden. Im Frühjahr (Ende März 2007 gleich realisiert) und Winter sollen jeweils Grundnahrungsmittel besorgt und dann zum Abholen bereitgestellt werden (5 l Öl, je 5 kg Tee, Mehl, Zucker, Reis).

Direkte Patenkinder
Da eine Firma in Ingolstadt ihre Zusage für 4 direkte Patenschaften nicht eingehalten hat, sind nur zwei von sechs Patenkindern vermittelt. Für die restlichen vier Patenkinder können wieder Paten gesucht werden. Im Gegensatz zum Rest kann über die PP mit den direkten Patenkindern auch direkt korrespondiert werden.

Projekt Schulpatenschaften
Von unseren Projektpartnern zeigte sich ein Lehrer (Grundschule) für das Commenius-Programm sehr aufgeschlossen und interessiert. Wir versprachen weitere Infos bzw. Adressen von potentiellen Partnerschulen zu beschaffen.

Treffen mit Eltern und Patenkindern
Das Treffen fand in den Räumen von Egitim-Sen statt. Nach einem Erfahrungsaustausch gab es Essen und danach für jedes Kind einen Geschenk-Rucksack, der Schulsachen und Süßigkeiten enthielt.
Beim Erfahrungsaustausch wurde von den Eltern wiederholt die prekäre materielle Lage angesprochen. Die Väter leben i.d.R. von Gelegenheitsarbeiten, einige sind aufgrund von Krankheit arbeitsunfähig. Auch wer arbeitsfähig ist, hat bei einer Arbeitslosenquote von 70 % in DY zumal als Flüchtling kaum eine Chance. 68% der Familien liegen unter dem Existenzminimum von 300 Euro für 6-10 Personen.
Von der Stadt gebe hin und wieder Lebensmittelhilfe, trotzdem herrsche an manchen Tagen Hunger, berichten einige. In der Schule würden die Eltern zudem für Kopien und Schäden an Büchern, Einrichtungsgegenständen etc. zur Kasse gebeten.
Es wird bedauert, dass in der Schule nicht die Muttersprache Kurdisch gesprochen werden darf. Als positiv wird angemerkt, dass es verstärkt Nachhilfeschulen gebe (s.u.).

Besuch beim Egitim Destek Evi DY-Baglar (Nachhilfeschule DY-Baglar)
Hier treffen wir Serra B., die vor einem Jahr bei einem unserer Treffen zugegen war. Sie ist in der BRD aufgewachsen, aber seit Okt.06 nach DY übergesiedelt. Hier wollte sie ein Straßenkinderprojekt starten, was sich in der projektierten Form als undurchführbar herausstellte. Sie arbeitet seit Dez.06 in der Nachhilfeschule Baglar (Egitim Destek Evi s.u.). Hier hat sie in rudimentärer Form ihr Straßenkinderprojekt gestartet.
Das 5-stöckige Gebäude im Flüchtlings-Stadtteil Baglar wurde von der Stadt errichtet, die Inneneinrichtung kommt von einem japanischen Sponsor. Es hat an 7 Tagen in der Woche geöffnet und unterstützt ca. 1000 SchülerInnen (Großteil Flüchtlingskinder),die in zwei Schichten vormittags und nachmittags unterrichtet werden. Neben Nachhilfe in Klassen von 15-20 SchülerInnen gibt es am WE auch Kurse in Gesang, Malen, Schach etc.
Da die Kinder beim Lernen kaum von der Familie unterstützt werden (können), versucht die Nachhilfeschule diese Defizite auszugleichen, um auch armen Kindern eine höhere Schulbildung zu ermöglichen. Der Schulbesuch ist kostenlos.
Allerdings ist die Ausstattung mit Büchern sowie Lern- und Arbeitsmaterial recht dürftig. Die Stadt übernimmt nur die Gehälter für die 11 Festangestellten (Lehrer, Wachpersonal, Verwaltung)neben ca.100 Ehrenamtlichen, v.a. Studenten. Für Schulmaterial gibt es keinen Etat, sodass man hier auf Spenden von Organisationen, Geschäftsleuten etc. angewiesen ist.

Besuch beim staatlichen "75-Jahre-Straßenkinder-Zentrum"
Ziel und Zweck der von Staat und Gouverneur finanzierten Einrichtung ist es, arbeitende Straßenkinder von der Straße wegzubringen. Straßenkinderarbeit ist seit einiger Zeit verboten .Die Aussagen unserer Gesprächspartner zur Wirkung dieses Verbots sind widersprüchlich. Von uns konnten so viele arbeitende Straßenkinder bearbeitet werden wie eh und je.
Laut Schulleitung gibt es in DY 3.300 arbeitende Straßenkinder, davon sind vom Zentrum rund 1000 registriert. In das weitläufige Areal mit einigen Gebäuden und Kursen und Angeboten (Computer, Töpfern, Schmuckherstellung) sowie Mensa kommen täglich rund 100 - max.150 Kinder. 95% gehen laut Zentrumsleitung zur Schule.
Arbeitende Kinder verdienen wenig, aber das ist für die Familien oft viel. Laut Zentrumschefin versucht man als Kompensation für die nicht arbeitenden Kinder den Eltern Arbeit zu vermitteln.
Eine Aussage der Zentrumschefin erscheint uns absurd: In DY gäbe es keine auf der Straße lebenden Straßenkinder, alle hätten Familienbindung.
Nach diversen anderen Erhebungen geht die Zahl der auf der Straße lebenden und arbeitenden Straßenkinder ohne Familienbindung in die Tausende.

Dieter Balle


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