Flüchtlingskinder Diyarbakir


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Besuch 2008

Berichte

Reise nach Diyarbakir (März 2008)

Vom 19.-24. März 2008 besuchten wir - sechs Mitglieder des Vereins "Flüchtlingskinder Diyarbakir" - die kurdische Metropole im Südosten der Türkei. Wir wollten uns über den Stand unseres Projektes informieren. Der Zeitpunkt war so gewählt, dass wir uns an der Veranstaltung zum kurdischen Neujahrsfest am 21. März beteiligen konnten.

Projekt Flüchtlingskinder Diyarbakir
Seit 2004 ermöglicht unser Verein etwa 30 Jungen und Mädchen aus Flüchtlingsfamilien den Schulbesuch durch Schulstartpakete, Schulmaterialien und Kleidung sowie Lebensmittelpakete an die Familien. Darüber hinaus werden regelmäßig soziale Aktivitäten wie Kinobesuch oder Ausflüge mit den Kindern durchgeführt.
Bei einem Treffen mit den Schülern/innen des Projekts konnten wir uns davon überzeugen, dass sich das Projekt gut entwickelt hat. Die Mehrheit der Schüler/innen ist jetzt 11-12 Jahre alt. Vielen Kindern merkt man an, dass sie an Selbstvertrauen gewonnen haben und dass sie die Chance nutzen wollen. Besonders von einigen Mädchen wurden selbstbewusst Berufswünsche wie Lehrerin oder Ärztin vorgetragen.
Die beiden Lehrer, eine Kollegin und ein Kollege von der Bildungsgewerkschaft Egitim-Sen, die das Projekt vor Ort betreuen, haben einen guten Kontakt zu den Familien aufgebaut.
Leider gibt es noch Fälle, in denen die Familien den Schulbesuch nicht wollen. Ein Mädchen musste auf Betreiben der Eltern mit 13 Jahren die Schule verlassen. Das Mädchen wäre gerne weiter zur Schule gegangen. Der Lehrer hat mit den Eltern Gespräche geführt, konnte sie aber nicht überzeugen.

Politisch-soziale Situation in Diyarbakir
In den Slums von Diyarbakir leben etwa 350.000 Flüchtlinge, die keinerlei staatliche Unterstützung erhalten und keine Perspektive auf Verbesserung ihrer Situation haben.
In den 1990er Jahren zerstörte das türkische Militär 3.000 Dörfer und vertrieb etwa 3 Millionen Menschen. Weiterhin können kaum Flüchtlinge in ihre Dörfer zurückkehren, da die Gefechte zwischen Militär und Guerilla andauern. Außerdem fehlt in den zerstörten Dörfern die Infrastruktur (Strom, Gesundheitsversorgung, Transport etc.). Durch die Flüchtlinge ist die Einwohnerzahl von Diyarbakir auf über eine Million angewachsen.
Diyarbakir - sowie ein großer Teil der von Kurden bewohnten Gebiete - ist von zwei Jahrzehnten Krieg und Ausnahmezustand geprägt. Dadurch wurde die Region von der wirtschaftlich-sozialen Entwicklung abgeschnitten. Die türkische Regierung tat nichts zur wirtschaftlichen Förderung um den Vertreibungsdruck zu erhöhen. Das Gebiet könnte durch die Landwirtschaft, Bodenschätze und die Lage im Mittleren Osten für Investoren von Interesse sein. Die Unsicherheit verschreckt aber private Investoren. 20 Jahre lang erfolgten kaum öffentliche oder private Investitionen. Als Folge davon lebt ein Großteil der Bevölkerung marginalisiert. Etwa 70 % sind arbeitslos bzw. leben von Gelegenheitsarbeiten auf dem informellen Sektor (Lastenträger, Schuhe putzen, Wasser oder Tee verkaufen, Putzen, Tagelöhner auf dem Bau oder auf dem Land etc.). Auch heute noch wandern die besser Ausgebildeten in den Westen der Türkei oder ins Ausland ab, da ihnen ihre Heimat keine Perspektive bietet.
Die Kommunalverwaltung von Diyarbakir ist in der Hand der kurdischen Partei DTP. Seit 2002 ist Osman Baydemir der Oberbürgermeister von Diyarbakir. Baydemir war seit Mitte der 1990er Jahre Vorsitzender des Menschenrechtsvereins von Diyarbakir und hat durch sein Engagement auch über die Grenzen der Türkei hinaus Anerkennung erworben.
Gegen die DTP ist in der Türkei ein Verbotsverfahren eröffnet worden, vielen DTP-Politikern/innen droht "Politikverbot", d.h. das Verbot für öffentliche Ämter zu kandidieren.
Die islamistische Regierungspartei AKP (gegen die ebenfalls ein von kemalistisch-nationalistischer Seite betriebenes Verbotsverfahren läuft) hat ihre Basis unter den Modernisierungsverlierern in den rückständigen Regionen der Türkei. In den kurdischen Gebieten liegt sie in Konkurrenz zur kurdischen DTP.
Das von der AKP-Regierung angekündigte 12 Mrd. Dollar-Programm für den "Südosten" ist als Versuch zu sehen, den starken Einfluss der kurdischen DTP, die in den meisten kurdischen Städten den Oberbürgermeister stellt, zurückzudrängen

Soziale-, Bildungs- und Frauenprojekte
In Diyarbakir sind in den letzten Jahren zahlreiche zivilgesellschaftliche und kommunale Organisationen und Projekte entstanden, die sich um die Integration der armen Familien bemühen. Wir hatten Gelegenheit, einige dieser sozialen Einrichtungen zu besuchen.
In den verschiedenen Stadtteilen wurden Nachhilfezentren (Etüt Merkezi, Egitim Destek Evi) eingerichtet. Im Stadtteil Baglar gibt es eine zentrale Einrichtung, die von über tausend Schülern/innen besucht wird. Die Nachhilfe findet vorwiegend am Wochenende statt. Daneben gibt es Freizeitangebote (Sport, Schach etc.), Kurdischunterricht, unter der Woche Angebote für Frauen (Handarbeiten, Alphabetisierungskurse) mit Kinderbetreuung usw.
Im Stadtteil Yenisehir wurden mehrere dezentrale Zentren (Etüt Merkezi) eingerichtet, die das gleiche anbieten. Träger ist die Kommune, unterstützt von Egitim-Sen u.a. Der Nachhilfeunterricht wird von Lehrer/innen ehrenamtlich am Wochenende durchgeführt. Das türkische Erziehungsministerium (MEB) unterstützt diese Einrichtungen nicht.

Sarmasik (Efeu)
Verein zum Kampf gegen die Armut und für nachhaltige Entwicklung

Der Verein hat eine Feldforschung über die sozioökonomische Lage in einigen armen Stadtteilen von Diyarbakir durchgeführt.
Als Ergebnis der Untersuchung wurde die "Gida Bankasi" im Mai 2007 eröffnet. Dort erhalten 600 Familien, die auf Grund von Krankheit oder Alter, nicht mehr in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, Lebensmittelhilfen.
Daneben hat Sarmasik ein ähnliches Projekt wie unser Verein gestartet, das Kindern den Schulbesuch ermöglicht. Im Moment läuft ein Pilotprojekt mit 26 Schüler/innen. Zielgruppe sind Kinder aus bedürftigen Familien, die gut in der Schule sind und denen eine erfolgreiche Entwicklung prognostiziert wird. Grundschüler erhalten 40 YTL, Gymnasiasten erhalten 50 YTL pro Monat sowie Nachhilfe.
Die Kinder werden von einem Mitarbeiter von Sarmasik sowie 4 ehrenamtlich arbeitenden Lehrern/innen betreut. Die Finanzierung erfolgt durch Patenschaften von kurdischen Migranten in Österreich und Dänemark.

Kardelen (Schneeglöckchen)
Beratungs- und Betreuungszentrum für misshandelte Frauen

Bisher gibt es nur Beratungsstellen für Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Nach dem Gesetz müsste jede Kommune über 50.000 Einwohner ein Frauenhaus einrichten, aber es fehlen die Mittel. Außerdem wäre es schwierig, Frauenhäuser vor den Ehemännern zu schützen. Im Moment gibt es für Frauen, die in einer ganz bedrohlichen Lage sind, nur die Möglichkeit in andere Städte zu gehen.
Mehrere Projekte wurden mit EU-Mitteln gefördert.
· Projekt für Menschen mit Behinderungen
· Gün-TV strahlt wöchentlich ein Programm in kurdischer Sprache für die Landbevölkerung aus (mit speziellen Themen für die Bauern)
· Zentrum für Frauen im Stadtteil Baglar
· Günisir - Second Hand-Laden, der Kleidung durch Kontakte zu Textilhändlern erhält und an arme Familien weitergibt.

Egitim-Sen Diyarbakir
Während unseres Aufenthaltes in Diyarbakir hatten wir Gelegenheit mit vielen Egitim-Sen-Mitgliedern zu reden, darunter der neugewählte Vorsitzende von Diyarbakir Abdullah Karahan und der Bezirkssekretär Yildirim Arslan, der uns auch an Newroz begleitete. Die Kollegen bekundeten mehrfach den Wunsch nach einem engeren Kontakt zur GEW.
Im Februar 2008 fand als Vorbereitung für den zentralen Gewerkschaftskongress im Mai in Ankara der Egitim-Sen Kongress des Bezirks Diyarbakir statt. Im Rechenschaftsbericht wird auch unser Projekt genannt.
Egitim-Sen hat im Regierungsbezirk Diyarbakir 5.500 Mitglieder, das entspricht einem Organisationsgrad von 75 - 80 %.
Lehrer/innen erhalten als Einstiegsgehalt 930 YTL ( ca. 480 €), nach 30 Jahren 1.200 YTL. Die Pensionsgrenze wurde auf 65 Jahre erhöht (früher 58 Jahre für Frauen und 60 Jahre für Männer). Die Lohnerhöhungen liegen unter der Inflationsrate. Die Kosten für Lebensmittel und Miete sind in Diyarbakir niedrig, Importgüter und auch Benzin sind aber teurer als in Deutschland.
Von Egitim-Sen wird der Kampf gegen die AKP-Regierung als ein zentrales Ziel genannt. Die AKP hat eigene Vereine, die speziell unter den Flüchtlingen und anderen marginalisierten Schichten in Diyarbakir Fuß zu fassen versuchen. Von AKP-nahen Vereinen gibt es Nachhilfe und Freizeitangebote sowie materielle Hilfen. Diese Organisationen werden vom Erziehungsministerium (MEB) im Gegensatz zu Egitim-Sen anerkannt und gefördert.

Bildung
Nach einer Untersuchung von Sarmasik (s.o.) ist in über 70 % der befragten Haushalte mindestens eine Person Analphabet, in fast 20 % der Haushalte geht mindestens ein schulpflichtiges Kind nicht zur Schule, 30.000 Kinder arbeiten in Diyarbakir auf der Straße. Jeder Ausländer, der in Diyarbakir auf die Straße tritt, wird sofort von Kindern, die etwas zu verkaufen haben, angesprochen.
Auch nach Beendigung der Schule mangelt es an Perspektiven. Erfolgreiche Hochschulabsolventen haben kaum berufliche Aussichten in Diyarbakir.
Als ein vorrangiges Problem wird von Egitim-Sen das "Muttersprachenproblem" genannt. Der Aufruf von Ministerpräsident Erdogan an die in Deutschland lebenden Türken, sich nicht zu assimilieren, ist natürlich auch in den kurdischen Gebieten der Türkei registriert worden. Verbittert werden wir immer wieder darauf hingewiesen, wie die türkische Regierung mit zweierlei Maß misst.
Es gibt zwar einen Diskurs um Kurdologie an den Universitäten und um einen kurdischsprachigen Fernsehkanal. Aber unter den gegenwärtigen Türkei weiten politischen Kräfteverhältnissen und der fortdauernden (türkisch)nationalistischen Mobilisierung ist Kurdischunterricht an staatlichen Schulen nicht in Sicht.
Viele Kinder sind durch den Krieg traumatisiert. Ein Lehrer berichtete uns, dass er seine Schüler/innen zu Newroz Bilder malen ließ. Die Bilder zeigten Panzer, Soldaten, Verwundete und Tote. Obwohl Newroz eigentlich ein Frühlingsfest ist, assoziierten die Kinder Newroz nicht mit Frühlingssymbolen sondern mit Krieg.

Schulpartnerschaften
Wir besuchten eine Internatsschule im Istanbuler Stadtteil Yenisehir, die eine Partnerschule in Deutschland sucht. Die Schule wird von Schülern/innen aus armen Familien in Diyarbakir und aus den umliegenden Dörfern besucht. In die Schule integriert ist ein Straßenkinderprojekt, d.h. ein Teil der Kinder sind Waisen oder Halbwaisen, die zuvor auf der Straße gelebt haben. Die Schule braucht dringend einen bessere Ausstattung (PCs, Materialien für den Fachunterricht, Mittel für Ausflüge u.a. soziale Aktivitäten usw.).
Von vielen Schulen gibt es Interesse an Schulpartnerschaften mit deutschen Schulen. Die Schulen suchen sowohl materielle Hilfen als auch Austausch und Aufmerksamkeit aus Europa. Schulpartnerschaften werden durch das Erziehungsministerium keine Steine mehr in den Weg gelegt. Schwierig gestalten sich aber die Partnerschaften über das Comeniusprogramm, da diese zentral über das Erziehungsminis-terium in Ankara in die Wege geleitet werden müssen. Die Lehrer/innen der Schule, die wir besucht haben, berichteten uns, dass sie sich um eine Partnerschaft im Rahmen des Comeniusprogramms bemüht haben, aber von Ankara keine Antwort bekommen haben.

Newroz
Am 21. März, dem kurdischen Newrozfest, strömten Tausende zu dem Kundgebungsplatz am Rande von Diyarbakir. Laut der Internetseite der Kommunalverwaltung von Diyarbakir beteiligten sich fast eine Millionen Menschen.
Das Militär blieb in Diyarbakir am Boden außer Sichtweite. Allerdings flogen Kampfflugzeuge im Tiefflug fast eine Stunde lang über die Menschenmenge.
Die Stimmung war begeistert. Die immer wieder lautstark gerufenen Parolen drückten vor allem Verbundenheit mit der PKK und deren Führer Abdullah Öcalan aus. Die Hauptredner/innen waren Osman Baydemir und Leyla Zana. Beide sprachen auf Kurdisch. In ihren Reden forderten sie Frieden ("Solange die Guerilla noch in den Bergen ist, ist noch kein Friede.") und richteten scharfe Angriffe gegen die AKP-Regierung.
Auch der Egitim-Sen Vorsitzende Allaadin Dincer nahm an der Newrozveranstaltung teil.
In Van und Yüksekova kam es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Militär. Dabei wurde jeweils mindestens ein Demonstrant getötet.

Fazit
In Diyarbakir haben sich zivilgesellschaftliche und kommunale Organisationen entwickelt, die sich Hilfen und Unterstützung aus dem Ausland wünschen. Für Hilfsorganisationen, Gewerkschaften und interessierte Einzelpersonen gibt es viele Möglichkei-ten, Bildungs-, soziale, Frauen- oder auch Umweltprojekte auf den Weg zu bringen.
Allerdings verhindert die immer noch angespannte Situation - keine Friedenslösung in Sicht, Repression - die notwendige Entwicklung. Investitionen wie auch eine Mittelstandsförderung fehlen.

Sabine Skubsch


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