Flüchtlingskinder Diyarbakir


Direkt zum Seiteninhalt

Besuch 2009

Berichte

Bericht über den Besuch in Diyarbakir
24.10. - 31.10.2009


Gespräch mit Yüksel Baran,
Bezirksbürgermeisterin von Baglar

Wir besuchten am 26.10. Yüksel Baran, die im März 2009 zur Bezirksbürgermeisterin von Baglar gewählt wurde. Zuvor hatte Frau Baran als Vertreterin von Göc-Der an unserem Projekt Flüchtlingskinder Diyarbakir mitgearbeitet. In der kurdischen Region sind von den 99 Bürgermeistern der DTP 14 Frauen. Unter den rund 3.000 Bürgermeistern der übrigen Türkei befinden sich nur drei Frauen.
Baglar, der größte von vier Stadtbezirken in Diyarbakir mit einer Mehrheit von Flüchtlinsfamilien, hat offiziell 324.00 Einwohner, de fakto aber über 350.000. Tausende Bewohner, zumeist Flüchtlinge, sind nicht offiziell registriert.
Baglar hat eine sehr junge Bevölkerung: 60% sind Kinder und Jugendliche.
In Baglar gibt es 37 Stadträte: 29 von der DTP und acht von der AKP.
Die Finanzlage ist sehr angespannt: 40% der städtischen Einnahmen gehen in den Schuldendienst, nahezu 60% müssen für Personalkosten aufgewendet werden.
Die Stadtverwaltung Baglars hat 460 Festangestellte. Weitere 370 Personen arbeiten mit Zeitverträgen in der Stadtreinigung.
Größtes Problem der Bevölkerung von Baglar (wie überall) ist die grassierende Arbeitslosigkeit.
Ein wesentlicher Schwerpunkt von Yüksel Barans Arbeit ist die Frauenförderung, z.B. in der berufliche Bildung wie mit PC-Kursen. In der Stadtverwaltung soll die Frauenquote erhöht werden. Vor Yüksel Barans Amtsantritt war nur eine Frau beschäftigt, jetzt sind es sieben. Bei Neueinstellungen sollen künftig Frauen bei gleicher Qualifikation bevorzugt werden, besonders bei der Straßenreinigung und der Parkplatzaufsicht.
Für Männer gibt es einen Tarifvertrag mit der Gewerkschaft der Stadtangestellten. Die Kriterien für die Einstellung und für das Arbeitsverhältnis sind: Er muss in Einehe leben und seine Kinder müssen die Schule besuchen. Das Gehalt wird bei Problemen im Haushalt an die Frau ausbezahlt.

Besuch von Sozialprojekten im Bezirk Yenisehir mit Sefik Türk, stellvertretender Bürgermeister des Bezirks
Egitim Destek Evi (Förder- und Nachhilfeschule) im Stadtteil Ben U Sen Mah
Das Viertel ist eines der ärmsten Viertel in Diyarbakir mit ca. 17.000 Einwohnern. Es leben hier viele Flüchtlinge. Die Förder- und Nachhilfeschule wurde 2006 eröffnet. Es kommen insgesamt 500 Schüler zur Hausaufgabenbetreuung, davon 120 SchülerInnen in Begabtenförderungskursen (Vorbereitung auf Anadolu-Lisesi-Prüfung). Der Förderunterricht findet regelmäßig am Mittwoch, Donnerstag und Freitag für die 6.-8. Klassenstufe statt. Von Montag bis Freitag wird von 13.30-15.30 Uhr die Hausaufgabenbetreuung angeboten.
19 LehrerInnen betreuen die SchülerInnen ehrenamtlich. Sie arbeiten ohne Zuwendungen mindestens je zwei Stunden in der Woche. Der Leiter der Egitim Destek Evi ist ein ehmaliger Lehrer, der 20 Jahre im Gefängnis einsaß. Er ist von der Stadt angestellt, die auch die Ausrüstung mit Büchern usw. finanziert. Es besteht jedoch ein akuter Büchermangel.
Aus Platzmangel finden Hobby-Kurse wie Kurdisch, Musik, Kunst und Theater im Kulturhaus (s.u.) statt.
Der Förder- und Nachhilfeschule ist gleichzeitig eine Art Sozialberatungsstelle angegliedert, da über die Schüler und die Eltern ein Kontakt zu den Familien hergestellt ist.

Städtischer Waschsalon in Ben U Sen Mah
Familien ohne Waschmaschine können hier kostenlos ihre Wäsche waschen und Bügeln lassen. Es sind natürliche in der Regel die Frauen, die ihre Wäsche im Waschsalon an die dortigen Beschäftigten von Yenisehir abgeben. Die Zeit, in der die Wäsche gewaschen, getrocknet und gebügelt wird, wird sinnvoll genutzt zur Familienberatung, für Schwangerschaftskurse, für Alphabetisierungskurse. Für die Kleinkinder ist für diese Zeit eine Kinderbetreuung eingerichtet worden.

Internet-Cafe mit Jugend-Bücherei
Seit 1999 wird hier PC-Unterricht erteilt. Die Geräte sind von Sponsoren gespendet worden. Die Jugendlichen können auch kostenfrei ins Internet. Sie werden dabei von Studenten ehrenamtlich betreut. Viele Bücher der Bücherei wirkten zerfleddert. Leider gab es nur eine geringe Auswahl interessanter, moderner Bücher. Gerade diese verschwinden dann leider immer wieder.

EPIDEM - Psychologische Beratungsstelle für Frauen und Kinder - im Kulturhaus Yenisehir
Bei EPIDEM arbeiten eine Psychologin, vier Sozialarbeiterinnen, drei ehrenamtliche Betreuerinnen und derzeit eine Psychologin aus Berlin als Praktikantin. Mehrere Ärzte und Anwälte unterstützen die Beratungsstelle ehrenamtlich. Sie betreuen ca. 500 Frauen im Jahr. Viele der Hilfesuchenden sind Flüchtlingsfrauen. Eines der größtes Probleme, mit denen sich EPIDEM beschäftigt ist die Gewalt in der Familie (vor allem wegen Geldproblemen).
Frauen kommen zunächst meist heimlich und ohne Erlaubnis oder Kenntnis der Männer in die Beratungsstelle. Die Einrichtung will deshalb verstärkt auch Aufklärungsarbeit über ihre Arbeit unter den Männern leisten.
Im Familienprojekt von EPIDEM wird 16 Wochen mit den Frauen/Müttern gearbeitet, dann noch 2 Wochen mit den Männern/Vätern. 1.800 Familien haben bisher an diesem Projekt teilgenommen.
Auch in der Türkei gibt es laut Gesetz 4023 das Mittel des "Platzverweises" für prügelnde Ehemänner, doch das sei in der Praxis kaum durchsetzbar. Notwendig seien weitere Gesetzesänderungen.
Alleinerziehende Frauen bekommen vom Staat keine Hilfe, allenfalls vom Verein Sarmasik. Unter den Kindern von alleinerziehenden Müttern ist die Kinderarbeit besonders weit verbreitet.
EPIDEM erhält Unterstützung der österreichischen "LEEZA"-Stiftung und Fördermitteln der staatlichen Austrian Development Agency (ADA).

PC-Schule im Kulturhaus
Jugendliche bekommen hier in vier Gruppen zu zwölf SchülerInnen kostenlosen PC-Unterricht mit abschließendem Zertifikat. In weiteren Kursen werden auch Microsoft- und CISCO-Zertifikate vermittelt. Das Projekt wird von der UN, Vodafone Türkei, Microsoft, CISCO und der Bill-Gates-Stiftung unterstützt.

Kunst- und Musikschule im Kulturhaus
Musikunterricht wird von erfahrenen Musikern in Geige, Saz und Perkussion gegeben. Weiter gibt Gesangsunterricht und eine Volksmusikgruppe mit 260 SchülerInnen. Daneben gibt es auch ein Malatelier.
Uns wird ein 16-jähriger Junge vorgestellt, der vor zwei Jahren bei einer Auslandsreise in die USA eine kurdische Hymne gesungen hat und nach seiner Rückkehr deswegen von der türkischen Staatsanwaltschaft angeklagt wurde, jedoch schlussendlich freigesprochen wurde.

Egitim Destek Evi in Iplik Mah
Iplik ist ein früher selbständiges Dorf, das nach Diyarbakir eingemeindet wurde.
Die Hausaufgabenbetreuung betreut 120 SchülerInnen, die auch in einem PC-Raum Internet-Kurse absolvieren können und im Internet surfen dürfen. Die SchülerInnen werden auch hier von Lehrern und Studenten in ihrer Freizeit ehrenamtlich betreut. Der Einrichtungsleiter berichtet, dass es hauptsächlich darum geht, die Kinder von der Straße zu holen und zum Lernen zu bewegen. Die räumlichen Verhältnisse zu Hause bei den Kindern gestatten in der Regel kaum die Erledigung der Schularbeiten. Ein eigenständiges Lernen unter solchen Bedingungen ist fast gar unmöglich.
In dem Gebäude gibt es das Frauenprojekt "Umut" (Hoffnung) mit Kinderbetreuung in einem kleinen Pavillon auf dem Dach des Hauses. Das Projekt wurde in den letzten zwei Jahren durch LEZZA (s.o.) gefördert. LEZZA brachte dabei 25% der Projektmittel auf. Eine neue Mittelbeantragung läuft gerade. EPIDEM (s.o.) führt hier dreimal in der Woche Frauen- und Familienberatung durch.

Kinderbücherei in Dicle-Mah
Angebot zum Schmökern in der Bücherei wird gut angenommen. Bei unserem Besuch waren rund 20 Kinder anwesend, die die Bücher auch mit nach Hause nehmen können. Der Bücherei-Verantwortliche ist ein Lehrer, die Einrichtung ist täglich geöffnet.

Treffen mit den Kindern, die in unserem Projekt betreut werden, sowie ihren Eltern bei Egitim Sen
Tags zuvor hatten wir gemeinsam mit den beiden Betreuern von Egitim Sen für jedes der 37 Kinder unseres Projektes einen Rucksack und die notwendigen Schulbücher gekauft. Vormittags vor dem Treffen wurden dann die Rücksäcke mit den Namen der Schüler/innen versehen, die Schulbücher je nach Klassenstufe und Schokolade eingepackt. Schokolade ist in der Türkei ein echtes Luxusgut.
Mittags kamen dann die Kinder mit ihren Müttern - einige Väter waren auch dabei - in den Versammlungsraum von Egitim Sen. Nach einer offiziellen Begrüßung wurde ein Film über die Arbeit des Projektes im vergangenen Jahr gezeigt. So konnten wir dann auch die Kinder beim Kleider- und Schuhkauf, bei Freizeitaktivitäten wie gemeinsamen Ausflug ins Grüne mit Grillen und Ballspielen oder beim Drachsteigen vor der Stadtmauer erleben. Alles Aktivitäten, die unsere Projektpartner vor Ort durchführen und die wir ja nur vom Hörensagen kennen. Danach wurden die Rucksäcke verteilt und wir dankten auch unseren Partnern für ihre Arbeit. Ein Imbiss war vorbereitet. So konnten wir dann auch mit einigen der Kinder und ihren Eltern sprechen. Die Kinder kritisierten uns, dass wir erst im Oktober und nicht wie in den Jahren zuvor im März zu Newroz nach Diyarbakir gekommen sind. Sie hätten sich schon lange auf den Besuch gefreut, aber nun sei es doch recht spät geworden. Die schulischen Erfolge der Kinder können sich sehen lassen. Nach sechs Jahren Förderung durch das Projekt machen in diesem Jahr die ersten beiden Mädchen die Aufnahmeprüfung zum Gymnasium! Mit diesen beiden konnten wir uns sogar schon auf Englisch unterhalten.

Treffen mit Sarmasik und Egitim Sen.
Die Förderprojekte für Schulkinder werden zusammengelegt.

Nach mehreren Beratungen mit Egitim Sen und Sarmasik sind wir übereingekommen, dass unser Projekt und das Förderprojekt von Schulkindern aus den ärmsten Familien von Sarmasik zusammen fortgeführt werden. In unserem Projekt werden derzeit 37 Kinder und in dem Projekt von Sarmasik 73 Kinder gefördert. Beide Projekte werden ehrenamtlich von Lehrern betreut. Der Vorteil des Projektes von Sarmasik ist, dass auch Sozialarbeiter beteiligt sind und dass das Projekt wissenschaftlich begleitet wird. Zudem stellten wir fest, dass in unserem Projekt nach sechs Jahren Kinder in den unteren Schulklassen fehlen. Sie sind alle mindestens schon in der fünften Klasse. Egetim Sen und Sarmasik wollen das Förderprogramm für die Schulkinder weiter ausbauen. Uns kommt dadurch natürlich eine größere Verantwortung zu - die wir aber gerne annehmen.

Dieter Balle


Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü