Flüchtlingskinder Diyarbakir


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Egitim Sen Lage Fluechtlinge 12-2014

Berichte

Abdullah Karahan, Egitim Sen,
auf der GEW-Jahrestagung Internationales

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

wir kommen heute aus einer Region zu euch, in der Krieg herrscht. Seit 30 Jahren gibt es in unserem Land einen internen Krieg. Jetzt sind Kobane, Sinjar und Syrien Kriegsgebiete. Da wir wissen, dass jede/r von den durch Krieg ausgelösten Qualen betroffen ist, kann ich ohne zu zögern sagen, dass die Welt nicht Publikum des Krieges ist. Die Menschen in anderen Teilen der Welt sind nicht neutral gegenüber dem Krieg. Jede/r ist für oder gegen Krieg. Wir sind gegen Krieg. Wir wollen Gerechtigkeit und eine Zukunft. Aber der Krieg in unserem Teil der Welt dauert an. Kinder sind seine unschuldigen Opfer. Der Krieg, der die Zukunft arabischer, türkischer, kurdischer, jesidischer, assyrischer und christlicher Kinder bedroht, ist noch nicht zu Ende. Fortwährender Krieg in Syrien und im Irak bedroht unsere Hoffnungen, unsere Vorstellungen von Gerechtigkeit und die Freiheit der gesamten Gesellschaft in unserer Region. Verlierer dieses Krieges ist die gesamte Menschheit, aber es gibt keine Gewinner. Wir glauben, dass es nicht möglich ist, einen Krieg zu gewinnen. Wenn wir den Krieg beenden wollen, in dem die brutalsten Methoden wie Massaker und Völkermorde geschehen, sollten Menschen frei über ihre eigene Zukunft bestimmen können. Wo auch immer wir leben, müssen wir uns für Demokratie und Freiheit einsetzen. Das kann ein kleiner oder ein großer Beitrag sein. Aber wir müssen etwas tun. Wir kämpfen für eine öffentliche, allgemeine, muttersprachliche und gute Bildung. Wir sind Mitglieder unterschiedlicher Gewerkschaften, aber wir haben die gleichen Ideale. Wir haben uns heute hier versammelt für mehr Solidarität gegen die Brutalität. Deshalb möchte ich euch noch einmal für die Einladung danken und dafür, dass ich zu euch sprechen kann.

Wie ihr wisst, haben im Krieg in Syrien seit 2011 Tausende von Kindern ihr Leben verloren; sie wurden verletzt, gezwungen zu flüchten und ihrer fundamentalen Menschenrechte beraubt. Laut Angaben von UNICEF sind 5,5 Millionen Kinder direkt oder indirekt von diesem Krieg betroffen. Wir können sagen, dass Krieg Kinder auf die gleiche Weise betrifft wie Erwachsene und zusätzlich auf andere Arten. Zu nennen sind vier Schockwirkungen. Erstens: während der Auseinandersetzungen wird das Wohlergehen des Kindes in Bezug auf seine Versorgung und seinen Schutz nicht berücksichtigt. Zweitens: die fundamentalen Bedürfnisse von Kindern werden nicht erfüllt. Außerdem können Kinder ihr Recht auf freie Meinungsäußerung nicht ausüben und nicht Mitglied einer demokratischen Gesellschaft sein. Aufgrund erlittener psychischer Kriegstraumata haben sie keine Möglichkeit, aktive Mitglieder der Gesellschaft zu sein. Und zuletzt wird das Recht von Kindern auf Bildung verletzt. Vor dem Krieg betrug die Einschulungsrate der Schulen in Syrien 95 %. Jetzt haben 3 Millionen Kinder ihre Schulen verlassen. Und ein weiteres Thema, das ich hervorheben möchte: Vor dem Krieg gab es in Syrien keinen muttersprachlichen Unterricht. Kurz: Tote und Verletzte sind nur physische Dimensionen dieses Problems. Die Zukunft syrischer und irakischer Kinder ist von Auslöschung bedroht.

Während der Krieg innerhalb Syriens noch nicht zu Ende ist, hat ISIS (die Terrororganisation Islamischer Staat) einen Genozid mit extrem brutalen Methoden im Norden Syriens und im Irak begonnen. ISIS hat ein Massaker an ZivilistInnen in Sinjar begangen, ein für das jesidische Volk heiliger Ort. Es ist eine Tatsache, dass das jesidische Volk von einer uralten Sekte abstammt. Aufgrund ihres Glaubens heiraten sie nur innerhalb ihrer Gemeinschaft. Deshalb hat es ISIS auf Frauen und Kinder abgesehen, die Moslems werden und geschwängert werden sollen. Jesidische Frauen wurden durch ISIS verkauft, vergewaltigt und versklavt. Es wird geschätzt, dass ISIS 7.000 jesidische Frauen entführt hat. Das ist der Beweis dafür, dass ISIS der Feind aller Frauen ist. Da Frauen Leben auf die Welt bringen, sind sie ihr erstes Ziel. Außerdem werden Kinder von terroristischen Organisationen rekrutiert. Menschen, denen es gelang, vor den Angriffen islamischer Dschihadisten der ISIS zu fliehen, sind im Sinjar-Gebirge geblieben. Die Knappheit von Lebensmitteln, Wasser und Unterkünften ist jedoch ein großes Problem für sie. Seit die Dschihadisten die Stadt Sinjar besetzt haben, richten sie ihre Angriffe gegen die kurdischen Gebiete in Nordsyrien. Die
Namen dieser Gebiete sind Afrin, Kobane und Cizire. Alle haben demokratische und selbsternannte Regierungen in autonomen Gebieten. In ihnen sind verschiedene ethnische, kulturelle und religiöse Gruppen vertreten. Vor dem internen Krieg in Syrien besaßen kurdische Personen keinerlei Identitätsnachweis. Der syrische Staat hat kurdische Personen nicht anerkannt. Sie waren keine BürgerInnen, hatten also auch keine Rechte wie andere BürgerInnen. Aber sie gründeten neue kantonartige Staaten in Nordsyrien, ein gutes Beispiel für unterdrückte Völker im Nahen Osten. ISIS hat nicht nur ZivilistInnen in Kobane angegriffen, sondern auch die aufkeimende Hoffnung und den Glauben an Freiheit in dieser Region. Deshalb sind auch Kinder und Frauen zu Zielen geworden. Es wird eine Assimilationspolitik gegen alle Unterschiede betrieben. Die Selbstverteidigungskräfte der Menschen in Kobane, YPG und YPJ, widersetzen sich dieser brutalen Organisation. Dennoch sind viele ZivilistInnen gezwungen, die Türkei aus Sicherheitsgründen zu verlassen. ZivilistInnen aus Kobane und Sinjar sind jetzt Flüchtlinge in der Türkei.

Laut Angaben des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen, sind 1.097.724 Menschen aus dem Irak und Syrien in die Türkei geflüchtet. 17 % von ihnen sind unter 4 Jahre alt, 20 % zwischen 4 und 11 Jahre und 15 % zwischen 11 und 17 Jahre alt. Mit anderen Worten, die Hälfe aller Flüchtlinge in der Türkei sind Kinder. Sie leben innerhalb und außerhalb von Lagern. Um sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren bedarf es unserer Unterstützung. In der Türkei gibt es 22 Lager in 10 Städten, deren Kapazität bei 220.000 Personen liegt. Nur die Hälfte der syrischen Menschen, die außerhalb von Lagern leben, ist staatlich registriert. Das Hauptproblem der Flüchtlinge ist ihr Status. Die Hälfte der in der Türkei lebenden und registrierten syrischen Menschen wird von der Türkei nicht als Flüchtlinge anerkannt. Deshalb haben sie nicht die gleichen Rechte wie Flüchtlinge. Der Umgang der AKP-Regierung mit den registrierten syrischen und irakischen Menschen basiert auf Wohltätigkeit anstatt auf Menschenrechten. Die Vereinten Nationen können aufgrund der rechtlichen Strukturen in der Türkei keinesfalls intervenieren. Wir haben auch beobachtet, dass Lager für Flüchtlinge genutzt werden, um militärische Angriffe innerhalb Syriens zu organisieren. In den Medien finden sich viele Berichte darüber, dass Strategiepläne für einen Krieg in Syrien gemacht werden und dass sich Terroristen aus verschiedenen islamischen Gruppen in diesen Lagern aufhalten.

Trotz alledem ist die AKP-Regierung der einzige Akteur und erlaubt keine interne oder internationale Intervention. Sie blockiert – ohne jegliche Begründung - internationale Hilfe und Solidarität. Wir glauben, dass der Grund dafür ein politischer ist. Die AKP-Regierung diskriminiert MigrantInnen aus dem Irak und Syrien aufgrund ihrer Religion, ethnischen Herkunft, Kultur und ihres Glaubens. Wir beobachten diese Diskriminierung in den Lagern. Es sind nur sunnitische und arabische Menschen. Die Lager in der Türkei lassen keine alevitischen, assyrischen, kurdischen oder jesidischen Menschen zu. KurdInnen aus Sinjar und Rojava, ChristInnen und AssyrerInnen werden diskriminiert. AraberInnen und SunnitInnen haben bessere Bedingungen und werden von den staatlichen Behörden unterstützt.

Das UNHCR hat erklärt, dass nur 60 % der Kinder innerhalb und 27 % außerhalb der Lager zur Schule gehen. Mit anderen Worten, die Mehrzahl der flüchtenden Kinder wird des Grundrechts auf Bildung beraubt. Es gibt einige Schulen für sie, aber die Unterrichtssprache ist nur Arabisch. Deshalb erhalten viele Kinder, deren Muttersprache eine andere als Arabisch oder Türkisch ist, keine Grundbildung. In der Türkei ist es verboten, in öffentlichen Schulen in verschiedenen Sprachen zu unterrichten. Nahezu die Hälfte der migrierten Kinder hat keine Chance, zur Schule zu gehen, da sie weder Arabisch noch Türkisch sprechen. Da es verboten ist, an öffentlichen Schulen in kurdischer Sprache zu unterrichten, können kurdische Flüchtlingskinder nicht zur Schule gehen. Als Folge der diskriminierenden Flüchtlingspolitik wird immer mehr Unterricht in arabischer, aber nicht in kurdischer Sprache erteilt. Es gibt Schulen innerhalb der Lager. Außerdem gibt es öffentliche Schulen, die Unterricht auf Arabisch in der Region erteilen, in der viele syrische und irakische Menschen leben. Laut einem vom UNHCR veröffentlichten Bericht plant die Türkei bis zum Ende 2015 500.000 Kindern Unterricht in arabischer Sprache zu erteilen.

Im Namen unserer Gewerkschaft möchte ich euch sagen, dass wir auch für Unterricht in arabischer Sprache sind. Aber es gibt auch kurdische Kinder. Es ist unfair, dass sunnitische oder arabische Kinder die Möglichkeit haben, zur Schule zu gehen, andere jedoch nicht. Wer ist verantwortlich für den Schutz, die Bildung, die Versorgung und Gesundheit von kurdischen und jesidischen Kindern, wenn die Regierung nicht tut, was notwendig ist?

Als Mitglieder von Egitim Sen sind wir für das gleiche Recht auf Bildung für alle Kinder. Es ist nicht einfach für uns, dieses allgemeine Prinzip zu unterstützen. Während unserer gesamten Geschichte waren wir ständiger Unterdrückung durch die Regierung ausgesetzt. Ihr seid unsere KampfgefährtInnen. Ihr kennt unsere Geschichte auswendig. Vor nicht allzu langer Zeit, vor zwei Jahren erst, wurden Mitglieder von uns freigelassen. Sie waren im Gefängnis, weil sie GewerkschaftsaktivistInnen sind. Und unsere Gewerkschaft ist für muttersprachlichen Unterricht. Mitglieder der GEW haben mit uns an den Anhörungen teilgenommen. Unsere Unterdrückung durch die Regierung geht weiter, mit neuen Gesetzen, genannt Rotation und Änderungen in Bezug auf SchulleiterInnen. Deshalb sind Hunderte unserer Mitglieder ins Exil gegangen. Die konservativen Angriffe, der Grund für mehr Ungerechtigkeit im Bildungswesen unseres Landes, dauern an. Unsere Regierung hat das Tragen eines Kopftuches in Schulen gestattet und behauptet, alle Bekleidungsvorschriften abschaffen zu wollen. Dem ist jedoch nicht so. Mitglieder unserer Gewerkschaft wurden aufgrund ihrer Kleidung von Schulbehörden überprüft. Aber unser Kampf weitet sich aus und wird intensiver. Mit Hilfe internationaler Solidarität wollen wir unsere Ziele erreichen. Dieses Mal geht es um unsere Kinder, unsere StudentInnen, nicht um uns selbst. Egitim Sen braucht internationale Unterstützung, da die Probleme der Kinder in Kobane und Sinjar gelöst werden müssen.

Egitim Sen-Mitglieder arbeiten freiwillig, um Kinder in Batman, Sirnak, Mardin, Urfa, Diyarbakir und Antep mit Nahrung, Kleidung und Obdach zu versorgen. Unsere Psychologie-LehrerInnen machen Therapie mit Kindern, Kurdisch sprechende Lehrkräfte unterrichten in verschiedenen Fächern. Wir leisten auch finanzielle Unterstützung, um ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen. In Batman unterrichten Egitim Sen-Mitglieder 307 jesidische SchülerInnen auf Vorschul- und Grundschulniveau im Alter von 4 – 12 Jahren. Aber die SchülerInnen haben keine Schulbücher. Wir müssen Muster-Schulbücher reproduzieren. Außerdem wollen unsere Mitglieder in Batman eine neue Schule mit drei Klassenräumen gründen. Wir brauchen außerdem Unterstützung für den Bau einer Schule. Auch in Mardin erteilen unsere Mitglieder ehrenamtlich Unterricht für 874 Kinder aus Kobane. Aufgrund eingeschränkter Mittel können sie nur an Wochenenden unterrichten. In Sirnak wollen unsere Mitglieder ein freies Zelt in eine Vorschule umwandeln, da 700 Kinder aufgrund fehlender Mittel nicht unterrichtet werden können. In Diyarbakir haben unsere Mitglieder 526 Kinder unter 5 Jahren und 430 Kinder zwischen 5 und 15 Jahren zu versorgen. Unsere Mitglieder sind der Ansicht, dass das Hauptproblem der Kinder, besonders der Mädchen, das Fehlen von Schulen ist. Obwohl unsere Mitglieder in den verschiedenen Städten versuchen, etwas für muttersprachlichen Unterricht und gleiche Bildung für alle Kinder zu tun, stehen sie vor finanziellen Problemen.

Wir hoffen, dass unsere Solidarität heute wächst. Und morgen, wenn wir aufwachen, werden wir die Kinder aus Sinjar und Kobane nicht vergessen haben. Ihre Not ist uns bekannt. Wir glauben, dass die Kinder aus Kobane und Sinjar in einer Welt leben können, die ihre grundlegenden Menschenrechte erfüllt – wenn wir Solidarität schaffen können.

Vielen Dank für eure Geduld. Lang lebe die internationale Solidarität!

10.12.2014
kg


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