Flüchtlingskinder Diyarbakir


Direkt zum Seiteninhalt

Muege 2012

Berichte

Müge Tuzcuoglu nach 7 Monaten Haft freigekommen

Die Ethnologin und Schriftstellerin Müge Tuzcuoglu, ehrenamtliche Mitarbeiterin in dem Kinderprojekt von Sarmasik, wurde am 8. März 2012 in Diyarbakir im Rahmen der sogenannten KCK-Ermittlungen verhaftet. Sie wurde nach fast sieben monatiger Untersuchungshaft mit weiteren acht Angeklagten am 2. Verhandlungstag vor dem Staatssicherheitsgerichts in Diyarbakir am 25. September 2012 aus der Untersuchungshaft entlassen.

Der Prozess wurde beobachtet von PEN International Türkei, Internationale AG für Freiheit der Forschung und Lehre (GIT), Wissenschaftler in Gefahr, Verein der Lehrkräfte an Universitäten, Verein der Lehrkräfte, Verein der diplomierten Soziologen, Soziologischer Verein Mittlerer Osten

Aus der Anklageschrift ist zu entnehmen: Müge Tuzcuoglu wurde 1983 in Artvin Nahe dem Schwarzen Meer geboren. Ihre Familie stammt aus Rize. Sie ist nicht kurdischer Herkunft. Seit 10 Jahren ist sie Mitglied in der Partei der Arbeit (Emek Partisi). Neben ihrer Arbeit im Kinderprojekt von Sarmasik hat sie ehrenamtlich bei der Menschenrechtsstiftung der Türkei, der Stiftung Flucht (Göc) und dem Institut für soziale Recherche (DISA) gearbeitet. Ihr Vater betreibt ein Cafe in Ankara, in dem sowohl Lasen als auch Kurden verkehren.

Zwischen dem 3. und 11. März wurden Versammlungen an der Politikakademie der kurdischen Partei BDP in Diyarbakir von der Polizei abgehört und von den Teilnehmenden Fotos gemacht. Müge Tuzcuoglu nahm laut Anklageschrift an den Versammlungen teil. Die Protokolle vermerken nur "anwesend". Nur einmal habe sie sich in Vorbereitung des Newrozfestes für eine massenhafte Beteiligung ausgesprochen. Aus all dem folgerte die Staatsanwaltschaft, dass sie ein Mitglied der KCK sei.

Müge Tuzcuoglu konnte sich in ihrer Muttersprache Türkisch verteidigen. In ihrer "Verteidigung" ging sie auch auf ihren Werdegang ein. Sie sei als Frau und Lasin zur Welt gekommen. In Ankara habe sie das städtische Leben kennen gelernt und sei eine Studentin geworden. Dann sei sie zu einer Journalistin und Akademikerin geworden. Dann sei sie mit ihrer Feder in ein Gebiet gegangen, wo die Waffen sprechen.

Dann kam sie auf ihre Festnahme zu sprechen: "Ich wurde vor 7 Monaten von bewaffneten Menschen festgenommen. Seitdem wurde ich von vielen Menschen, den Kindern und Frauen, um die ich mich gekümmert habe, aber auch von Schriftstellern, Journalisten und Menschenrechtlern unterstützt... Ich habe vier Tage lang an dem Unterricht zur Geschichte der Zivilisation teilgenommen. Ich wurde eingeladen, weil ich zu dem Thema aus meinem Studium der Anthropologie etwas wusste... Ich möchte, dass in meinem Land niemand mehr wegen seiner Gedanken angeklagt wird. Ich möchte, dass das Verfahren eingestellt wird... Ich war sieben Monaten in Gefängnis von Diyarbakýr, das als eines von 19 Gefängnissen auf der Welt mit den meisten Menschenrechtsverletzungen gilt... Ich möchte zu meinen Kindern zurück."

Acht von 469 Seiten der Anklageschrift befassen sich mit Müge Tuzuoglu. Dazu gehört auch eine Stellungnahme, die sie zu der Anklageschrift verfasst hat. Darin werde ihrer Meinung nach der Einsatz für die Kinder als "Propaganda", die Arbeit gegen die Armut als "Gewährung von Unterschlupf und Unterstützung", ihre Beschäftigung mit Traumata als "Mitgliedschaft" interpretiert.

Die Themen, die sie in der Ethnologie studierte, hätten eine Anweisung, eine Perspektive, eine Mitgliedschaft in der Organisation zur Bedingung. Sie selber habe diese Aussage nicht verstanden. In erster Linie habe sie aber der Teil der Anklageschrift in Bezug auf den Verein Sarmasik verletzt. Er solle damit in die Illegalität gerückt werden, obwohl es kein Urteil gegen den Verein, der sich für die Mittellosen einsetze, gebe. In der Anklageschrift sei auch die Rede davon, dass "kein Beschluss gefällt werden solle, in welchem Bereich sie eine Aufgabe bei den Feierlichkeiten zu Newroz übernehmen solle". Das soll ein Beweis sein, dass sie ein Mitglied der Organisation ist. Dann habe sie am 24. März noch ein Zelt besucht, das für eine demokratische Lösung der Kurdenfrage errichtet wurde. Weil die Nachrichtenagentur ANF, Presseagentur Firat und RojTV von dieser Aktion berichteten, werde die Initiative als illegal angesehen. Ebenso war es mit einer Aktion vor dem Gerichtsgebäude, wo am 19. April dagegen protestiert wurde, dass der Wahlrat ein Veto gegen Kandidaten der BDP einlegte.

Neben ihrer Forschungsarbeit zu Themen wie Zwangsimmigration und soziales Trauma engagiert sich die Wissenschaftlerin über ihren Verein in Diyarbakir gegen Armut und für nachhaltige, lokale Entwicklung in Diyarbakir. Ihre Erfahrungen mit den Kindern und Jugendlichen in Diyarbakir und der Arbeit bei Sarmasik hat sie in dem Buch Ben bir tasim (Ich bin ein Stein) verarbeitet, das 2011 erschien und 2012 eine zweite Auflage hatte. In der Bekanntmachung ihres Buches schrieb sie u.a. über sich selbst:

"Nach meinen Ausweis wurde ich 1983 geboren und wie alle jungen Leute, die in den 80er Jahren geboren wurden, trage ich die tiefen Spuren, die der Militärputsch vom 12. September in meiner Familie und meiner Heimat hinterlassen hat. Die zwei Phasen, die mich in meinem Leben beeinflusst haben, sind meine Arbeit als Journalistin bei Evrensel von 2002 bis 2007 und die Ermordung von Ugur Kaymaz. Es reichte mir nicht mehr, nur eine Nachricht darüber zu verfassen. Das war der Grund, warum ich 2008 eine Busfahrkarte nach Diyarbakir kaufte."

In Artvin wurden nach dem Militärputsch allein aus der politischen Gruppierung "Revolutionärer Weg" mehr als 1.000 Mitglieder festgenommen und dann vor dem Militärgericht in Erzerum angeklagt. Einer von ihnen war der Lehrer Enver Karagöz, dem beim Verhör heißes Wasser in den Mund gegossen wurde. Danach litt er an Rachenkrebs und wurde 1984 entlassen, weil keine Heilung in Aussicht war. Er starb am 30. März 2007 in Köln.

Ugur Kaymaz wurde mit seinem Vater am 21. November 2004 mitten auf der Straße, nur 50m von seinem Haus entfernt, in der Ortschaft Qoser (Kiziltepe/Mardin) im Zuge einer Polizeioperation getötet. Ugur Kaymaz war erst 12 Jahre alt, als er zum Opfer willkürlicher Sicherheitskräfte wurde. Die vier beteiligten Polizisten wurden 2007 freigesprochen. Dieser Vorfall erregte auch im Ausland großes Aufsehen. ( Quelle: KURDICA - Die kurdische Enzyklopadie)

Die Zeitung Evrensel veröffentlichte am 14.03.2012 einen Brief von Müge Tuzuoglu. Der Brief ist "An meine Kinder" adressiert:

"Am Weltfrauentag wurde ich in einer Wohnung festgenommen, wo ich zu Gast war... Der Staatsanwalt, der aus einer Diskussion um die Geschichte der Gesellschaften Mitgliedschaft in einer Organisation machte, hatte aus den Steinen, die Kinder in die Hand nahmen, eine Organisation gebildet und das den Kinder erzählt... Im Verhör beim Staatsanwalt diskutierten wir über Gewalt. Er habe damit sogar während des Wehrdienstes Probleme gehabt. Sicher, die Steine der Kinder sind Gewalt. Aber wurden sie aus ihren Dörfern vielleicht mit Blumen verabschiedet? Sind ihre Väter und Onkel durch Querschläger getötet worden?"

In der Zeitung Gaziantep Haberler wurde am 17. Juli 2012 ein Brief von Müge Tuzuoglu unter dem Titel "Von der Zelle zum Brand" veröffentlicht:

"Ich werde versuchen, meine Erfahrungen von 3,5 Monaten Haft zu schildern und von dort zum Brand im Gefängnis von Urfa zu kommen. Ich schreibe aus einem Raum, der für 18 Personen gedacht ist, in dem aber 32 Menschen sind... Am Tag fließt 6 Mal das Wasser, jeweils für weniger als eine halbe Stunde. Die Zeiten, an denen du zur Toilette darfst, werden von anderen bestimmt... Der Grund, warum in Urfa 13 Menschen starben, ist nicht nur die Überbelegung. Der Funke ist eigentlich das Rechts- und Bestrafungssystem. Um solche Brände zu verhindern, muss das diskutiert und korrigiert werden."

Der CHP-Abgeordnete Sezgin Tanrikulu sagte nach der Verhandlung am 25. September der Internet-Nachrichtplattform Bianet: "
Tuzcuoglu wurde entlassen, aber was ist mit den anderen? Wir müssen ein faires Rechtssystem und eine dem entsprechende Gerichtsbarkeit herstellen, aber dem werden unsere Gesetze nicht gerecht. Wenn sich diese Gesinneshaltung nicht ändert, dann ist es unwichtig, welche Richter auf der Bank sitzen. Es wurden neun Personen entlassen. Das ist aber kein Grund zur Freude, denn es sind noch Tausende in Haft."

Quellen (wenn nicht anders angegeben):
Türkeiforum.net
bianet.org
GIT Germany
Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWI)

Müge Tuczuoglu

Müge Tuczuoglu bei Sarmasik

Buchtitel:
Ben bir tasim - Ich bin ein Stein

Der 12jährige Ugur Kaymaz wurde 2004 von Polizisten erschossen.

Die Gräber von Ugur Kaymaz und seinem Vater Ahmet Kaymaz

Müge Tuczuoglu in Diyarbakir

Nach dem Besuch von "Hensel ve Gretel" 2011


Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü